Musikpädagogik in Malaysia

Posted by Leaisabellesander on März 20, 2020 in Erfahrungen

Ein Bericht aus der Praxis

Im März / April 2016 bin ich mit zwei Freundinnen durch Borneo gereist und habe zufällig den Gründer der non-profit Organisation „Project T.R.Y.“ („Transforming Rural Youth“) Raviraj Sawlani kennengelernt.
Die Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schulen in ländlichen Gegenden Malaysias zu gründen, in denen hauptsächlich undokumentierte Menschen mit Flüchtlingsstatus leben. Sawlani gründete „Project T.R.Y.“ nach einem Besuch auf der in der Celbessee gelegenen Insel Mabul in dem malaysischen Bundesstaat Sabah, Borneo. Die Kinder und Jugendlichen dort hatten keine Möglichkeit, nach der sechsten Klasse zur Schule zu gehen und lebten von Gelegenheitsjobs in der Tauchtourismusindustrie der Insel. Also entschloss er sich, etwas zu ändern und eine Schule zu gründen.

Die Menschen auf Mabul sind ehemalige See­ nomaden und besitzen Flüchtlingsstatus, weil sie vor dem seit den 1970er Jahren währen­ den Bürgerkrieg und Terror der Islamischen Befreiungsfront der Moros und Abu Sayyaf von den Philippinen geflohen sind. Der Status verhindert das Recht auf Bildung und den Anspruch auf das Gesundheitssystem, wodurch die Menschen auf Mabul in Armut leben und die Kindersterblichkeit hoch ist.

Pulau Mabul ist 500 m breit und 800 m lang, es leben circa 3000 Menschen in Stelzen­ häusern auf dem Wasser um die Insel herum und ungefähr 2000 von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Da der Großteil der Inselbewoh-nerInnen undokumentierte Suluk sind (ein Volk, das ursprünglich See-nomaden war und in den Gewässern zwischen Malaysia und den Philip-pinen lebte, sich inzwischen jedoch auf Insel und in Küstenregionen niedergelassen hat), kümmert sich die Regierung nicht um die Infra­struktur auf Mabul. Es gibt keinen Strom, keine Wasserleitungen, geschweige denn Kanali­sation oder Müllentsorgung. Die Bewohner der Insel haben Generatoren, kaufen Wasser­ tanks mit gefiltertem Salzwasser und schmei­ßen alles von Kleidung über Plastiktüten, bis hin zu Windeln ins Meer. Ein Ehepaar hat im Schnitt acht bis elf Kinder und lebt von 400 bis 700 Ringgit im Monat, was umgerechnet 70 bis 120 Euro entspricht. Trotz der niedrigen Lebenshaltungskosten ist das dort wenig Geld und bis auf wenige Familien sind die Menschen sehr arm und können nur überleben, weil sie Fischen gehen können und so ihr Hauptnah­ rungsmittel gratis bekommen.

Das Ziel von „Project T.R.Y.“ ist es, die Men­schen über den Effekt von Plastikmüll im Meer und in den Regenwäldern aufzuklären und sie soweit in Englisch, chinesisch, Malaysisch und Business-Skills zu unterrichten, dass sie in der wachsenden Tourismusindustrie einfache Jobs erledigen können, um ihre Familien zu ernäh­ren. Die SchülerInnen müssen kein Schulgeld bezahlen und keine Uniform oder Schulbücher kaufen, sondern bekommen alles von „Project T.R.Y.“ gestellt, vorausgesetzt sie helfen regel­ mäßig bei Aufräum­ und Säuberungsaktionen in ihrem Dorf, um ihren Lebensraum zu erhalten.

Sawlani und ich beschlossen, dass ich im März 2017 einen Monat an der „Project T.R.Y.“ Schule auf Mabul Musik unterrichten würde. Um bei den SchülerInnen gleichzeitig das Umwelt­ bewusstsein zu stärken und sie für die Bedro­ hung von Plastikmüll für den Tauchtourismus – und somit die Lebensgrundlage der meisten Familien – zu sensibilisieren. Es entstand das „Environmental Musicproject“, in welchem die SchülerInnen in Kleingruppen Lieder über den sichtbaren und spürbaren Effekt des Plas­tikmülls im Meer, zum Beispiel das erhöhte Sterben von Schildkröten und das trüber wer­dende Wasser schrieben. Diese Lieder wurden durch eine gemeinsam geschriebene Rahmen­geschichte verbunden und die entstandene 30­minütige Show im Dorf aufgeführt.

Der Unterricht fand abends statt, da viele der Schüler tagsüber arbeiten, um die Familie finanziell zu unterstützen. Tagsüber bot ich für die nicht arbeitenden Kinder und Jugendlichen unter anderem Aktivitäten wie „Island clean- ups“ und „Bottlefarming“ an, wobei Plastik­flaschen als Pflanzgefäß genutzt werden.

Die Kinder und Jugendlichen sind unglaublich wissbegierig und freuen sich, wenn sie zur Schule gehen dürfen. Insbesondere für meine Schülerinnen war es ein prägendes Erlebnis, von einer Frau unterrichtet zu werden. Malay­sia ist ein muslimisches Land und gerade in den ländlichen Gebieten stehen Frauen in der Öffentlichkeit deutlich unter den Männern, wodurch meine Schülerinnen sich bei männli­chen Lehrpersonen weniger im Unterricht ein­ bringen und stets darauf bedacht sind, einen korrekten Umgang zu wahren und Respekt zu zeigen. Ich finde es sehr wichtig, dass die Mädchen und jungen Frauen weibliche Vorbilder haben, die ihnen vorleben, dass die Rolle einer Frau sehr vielfältig sein kann. Inzwischen haben auch die Menschen auf Mabul Smartphones und somit Zugang zu Facebook, Youtube und anderen sozialen Medien. Die Mädchen und Frauen wissen, dass es Frauen gibt, die anders leben, sich anders kleiden und selbstständig sind, aber sie verstehen es noch nicht. Es ist nicht unsere Aufgabe zu Missionieren und ihnen unsere Auffassung von Eman­ zipation und Geschlechtergerechtigkeit „aufzuzwingen“, sie müssen ihren Weg selbst finden. Mein Anliegen ist, ihnen Hilfestellung zu leisten bei ihrer eigenen Rollenfindung und Emanzipation.

Das Prinzip der kulturellen Demokratie (nach Community Music) war der Pfeiler, um den alles andere sich entwickelte. Das Voneinander-Lernen, der kulturelle Austausch und die Begegnung auf Augenhöhe wurden durch verschiedene Elemente in die Praxis umgesetzt. Der Unterricht begann und endete mit dem Singen von malaysischen, philippinischen und englischen Liedern in einem Sitzkreis. Dadurch gab es für jeden und jede ein paar Lieder die definitiv mitgesungen werden konnten und wir hatten einen rituellen Anfang, sowie ein rituelles Ende des Unterrichts, der einen Kontrast zum inhaltlichen Arbeiten bot. Durch das Sitzen im Kreis gab es kein räumliches Vorne und Hinten, und wir waren wortwörtlich auf Augenhöhe – ich wurde Teil der Gruppe.

Um den weiteren Verlauf des Projekts zu erläutern muss zunächst das inhaltliche Konzept geschildert werden.
Das Projekt war in vier Teile aufgeteilt, die jeweils eine Woche beanspruchten:

1. Gemeinsames Brainstorming dazu, wie und weshalb wir die Umwelt schützen sollten

Hierzu sammelten wir am Whiteboard Ideen und sprachen darüber, wie sich die Verschmutzung der Insel im Alltag zeigt und was für Veränderungen die Menschen auf Mabul durch die enge Verbindung von alltäglichem Leben und der Natur bemerken. Anschließend malten die Schüler*innen in Kleingruppen Plakate, auf denen sie alles noch einmal zusammenfassten und auf Englisch niederschrieben. Durch den Austausch in den Gruppen, in welchen sie auf ihrer Muttersprache die Inhalte wiederholten, verstanden alle worum es geht und es kam zu regen Diskussionen innerhalb der Gruppen.

2. Geschichten schreiben über den spür- und sichtbaren Effekt der Verschmutzung durch Müll im Meer und auf der Insel

In besagten Kleingruppen schrieben die Schüler*innen nun auf Englisch oder Malaysisch Geschichten über das, was sie vorher auf den Plakaten zusammengefasst hatten. Die meisten schrieben jedoch auf Englisch. Es gab insgesamt sieben Gruppen und ihr Geschriebenes variierte von Geschichten über einen verheerenden Tsunami, bis hin zu einer Erzählung über Schildkröten, die sterben, weil sie Plastik fraßen und von Vögeln, denen dasselbe passiert.

3. Aus den Geschichten Lieder schreiben

Der eigentliche Plan war, dass die Schülerinnen und Schüler aus ihren Geschichten Lieder schreiben und komponieren. Allerdings war relativ schnell klar, dass das zeitlich nicht funktioniert und ich änderte den Plan: Jede Gruppe sollte sich ein Lied überlegen, das sie gut finden und den Text dieses Liedes durch ihre Geschichte ersetzen. Es verlangte meinen Schüler*innen einiges ab, ihre Texte so umzuschreiben, dass sie auf eine Melodie passten, doch die Ergebnisse waren fantastisch! Aus „Zombie“ von den „Cranberries“ wurde „Turtle“, ein Lied über Freunde die sehen, wie eine Schildkröte eine Plastiktüte frisst und ins Wasser springen, um die Schildkröte zu retten. Aus „Flashlight“ von „Jessie J“ wurde ein Lied über eine Orang-Utan Mutter, die wegen der Abholzung des Regenwaldes für Palmölplantagen kein Essen für ihr Baby findet. Sie geht in ein Dorf, um bei den Menschen nach Nahrung zu suchen und findet nur Plastikmüll, den sie ihrem Jungen gibt. Das Baby wird krank und stirbt fast, doch ein paar Mädchen aus Mabul finden Mutter und Kind bei einem Ausflug in den Dschungel und retten beide. Und „Hotel California“ von den „Eagles“ wurde ein Lied darüber, dass ein paar Jungen Schildkröteneier finden und sie vor Wilderern beschützen, damit die Schildkrötenbabys schlüpfen können. Zusätzlich lernten wir „We are the world“, damit es ein gemeinsames Abschlusslied für die kommende Show gab.

4. Die Lieder zu einer Show zusammenführen

In der letzten Woche – nachdem alle Gruppen mindestens ein Lied gedichtet hatten – überlegten wir gemeinsam, wie wir die Lieder miteinander verbinden könnten. Die Mehrheit war dafür, eine Geschichte zu schreiben und somit ein kleines Musical zu kreieren. In der Geschichte ging es um Freunde, die etwas gegen die Verschmutzung tun wollen und die versuchen, die Dorfbewohner*innen zu überzeugen gemeinsam etwas zu verändern.

„(Under the Sea – Elementary School) One day we went to the beach and we saw a turtle eating a plastic bag. (Turtle Song – Zombie) It thought it was a jellyfish and as soon as it recognized it was a plastic bag, the turtle tried to spit it out, but it didn’t work. (Turtle Song – Bajubil) To see the turtle eat plastic made us very sad. I jumped in the water and followed the turtle to take the plastic bag out of its mouth. (Turtle Song – Hotel California). When I went home that night for dinner, I told my parents what had happened and we talked about the rubbish problem in Mabul. My mother said: “Don’t throw rubbish in the sea!” I had a very bad dream that night about what could happen to Mabul, because of the pollution (Tsunami Song). In the morning I went to Semporna to see monkeys. When we arrived in the rainforest we saw a pregnant monkey (Monkey Song – Flashlight). When we came back to Mabul, we were very sad about what the rubbish does to animals. We decided to do something about it, to save Mabul (Turtle Song – Hang Pimana). We brought everyone in the village together and cleaned the whole island. We taught everyone to not throw rubbish everywhere. After a few weeks things have changed in Mabul. It’s a clean, beautiful Island and no animals die anymore (We are the world – everyone).”

Am letzten Donnerstag vor meiner Abreise fand die 30minütige Show im Dorf statt. Meine Schüler*innen bastelten die ganze Woche über Dekorationen für die Bühne und überlegten, was sie anziehen würden. In der letzten Woche unterrichtete ich zusätzlich Musik an der staatlichen Grundschule in der ersten Klasse und meine Schüler*innen dort führten „Under the Sea“ aus „Ariel“ auf und sangen mit allen anderen „We are the world“. Somit brachten insgesamt über 60 Kinder und Jugendliche aus Mabul ihr selbstgeschriebenes Musical für ihre Familien und Freunde auf die Bühne.

Die Schüler*innen wirkten als Ko-Autor*innen und Ko-Produzent*innen des Projekts. Durch die Freiheiten, die ihnen gegeben wurden, konnten sie selbst bestimmen, was für Geschichten sie schreiben und was für Lieder sie wählen wollten. Auch entschieden die Jugendlichen, wie am Ende die Show gestaltet wurde. Sie hatten absolut freie Hand und wurden von mir unterstützt, wenn sie nicht weiterkamen oder um Hilfe fragten. Durch den Unterrichtsaufbau wurde ein wertschätzender und sicherer Raum geschaffen. Ich begrüßte jede*n Schüler*in zu Beginn an der Tür und wir setzten uns in einen Kreis, um gemeinsam zu singen. Danach gingen alle in die Gruppen und arbeiteten an ihren Geschichten und Liedern. Die Gruppen konnten sie sich in der zweiten Unterrichtsstunde selber einteilen, wobei ich darauf achtete, dass in jeder Gruppe jemand war der/die Gitarre oder Ukulele spielen konnte, um den Schreibprozess zu erleichtern und das Üben der Lieder zu ermöglichen. Durch die Gruppenarbeit war es nicht nötig, dass sich die Jugendlichen zwei Stunden am Stück konzentrierten, sondern sie konnten eine kleine Pause machen, wenn es nötig war. Dies führte zu einer hohen Produktivität und Kreativität der Jugendlichen, da sie sich trauten sich auszuprobieren. Im abschließenden Sitzkreis stellte jede Gruppe vor, was sie an dem Tag erarbeitet hatten und wir sangen noch einmal gemeinsam.

Es gab klare Regeln für den Unterricht, die in der ersten Unterrichtsstunde gemeinsam beschlossen wurden. Sie sicherten den gegenseitigen Respekt und Wertschätzung, sowohl gegenüber dem Unterrichtsraum, als auch gegenüber den einzelnen Personen.

In der ersten Woche sprachen wir viel über die Situation auf Mabul. Sowohl die soziale, als auch die ökologische und ökonomische Situation. Die Schüler*innen wurden sich bewusst, dass sie in einem sicheren Raum sind, in welchem sie Kritik üben können ohne verraten zu werden. Sie stellten fest, dass schon jetzt Effekte der Verschmutzung zu sehen und zu spüren sind und dass sie gemeinsam etwas dagegen tun wollen.

Um den Lebensweltbezug zu erhalten entschied ich mich dagegen, ihnen etwas über Recycling und Mülltrennung zu erzählen, da es in ihren Diskussionen erstmal darum ging überhaupt Mülleimer auf der Insel zu verteilen und Müll zu entsorgen. Durch das Singen und Umschreiben von ihnen bekannten Liedern und die gemeinsamen Überlegungen, wie das Müllproblem eliminiert werden könnte, wurden bestehende Strukturen in Richtung eines sinnstiftenden, nachhaltigen Engagements erweitert.

Inzwischen gibt es auf der ganzen Insel Mülltonnen, die wöchentlichen Clean-ups finden noch immer statt und zwei meiner Schülerinnen, ernähren ihre Familien, durch den Verkauf von selbstgeflochtenen, gehäkelten und geknoteten Souvenirs. 

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